Inklusion und Schulleitung – Schulleitende als Gestaltende inklusiver Schulen in der deutschsprachigen Schweiz

Kurzbeschreibung

Der in 2014 durch die UN-BRK (2006) ratifizierte Prozess gleichberechtigter Teilhabe trägt wesentlich zur Entwicklung hin zu inklusiver Gesellschaft bei. Gleichzeitig stehen Schulen vor grossen Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Mit dem Anspruch eines „inklusiven Bildungssystems auf allen Ebenen“ (UN, 2006 Art. 24) soll durch Schulen und Kantone ein an Inklusion orientierter Transformationsprozess initiiert und durchgeführt werden. Jedoch divergieren die Integrationskonzepte (z.B. im Hinblick auf Personaleinsatz, Ressourcierung, Definition von besonderem Bildungsbedarf, Anforderungen an Schulleitungen) und Strukturen trotz Harmonisierung der kantonalen Schulsysteme. Schulleitungen (SL) als zentralen «Change Agents» in Schulentwicklungsprozessen kommt dabei eine bedeutende Rolle zu (Fullan, 1998; vgl. Schratz, 1998b).

In der geplanten Studie sollen mittels einer Dokumentenanalyse die rechtlichen Vorgaben und konzeptionellen Überlegungen analysiert sowie Qualifizierungsmöglichkeiten, Unterstützungsangebote und Ausstattungsoptionen, die in den Deutschschweizer Kantonen vorliegen, zusammengestellt werden. Weiter soll untersucht werden, welche Rolle Ausgangs-, Prozess-, sowie Ergebnis-Qualitätsmerkmale und deren Zusammenhänge hinsichtlich der Gestaltung inklusiver Praxis in Schule spielen. Hierbei geht es insbesondere um:

  • Einstellungen und Kompetenzen (als Merkmale der Professionalität)
  • Handlungskoordination und Kooperation im Schulkollegium (als Merkmale der Schulqualität)
  • Professionelles Handeln im Unterricht und in Erziehung (als Merkmale der Umsetzung)

Hintergrund

Die Etablierung und Umsetzung inklusiver Bildung stellen eine herausfordernde, grundlegende Entwicklungsaufgabe für Schulen dar. Ein in den 1980er Jahren initiierter, gesetzlich begleiteter Entwicklungsprozess zugunsten von Integration – statt Separation – von Schülerinnen und Schülern mit „besonderem Bildungsbedarf“ wird durch die Ratifizierung der UN-BRK (2006) 2014 bestärkt.

Mit dem Anspruch eines „inklusiven Bildungssystems auf allen Ebenen“ (UN, 2006 Art. 24) sind Schulen und Kantone vor die Aufgabe gestellt, einen an Inklusion orientierten Transformationsprozess zu initiieren und durchzuführen.
Schulentwicklung und erfolgreiches Schulleitungshandeln sind stark von den Vorgaben, die existieren, sowie von den Ressourcen, die vorhanden sind, geprägt. Ressourcen beziehen sich sowohl auf die personale, die organisatorische, sowie auch auf die systemische Ebene, weiterführend erfolgt der Einsatz, die sogenannte Ressourcenverteilung, welche sich an den entsprechenden Vorgaben orientieren muss. So stellt sich gleichzeitig die Frage, wie die Ressourcen und Vorgaben ausbalanciert sind und wie diese Balance von den schulischen Akteuren erlebt wird. So gilt es zu wissen, welche Vorgaben und Unterstützungssysteme bestehen und wie es um die persönlichen und organisationalen Ressourcen bestellt ist. Zu persönlichen Ressourcen gehören beispielsweise Motivation, Einstellung, oder Selbstwirksamkeit. Auf organisationaler Ebene liegen unter anderem Ressourcen wie die Kooperation oder die soziale Unterstützung.

Professionelles Handeln (im schulischen Kontext) ist von motivationalen Orientierungen und selbstregulativen Fähigkeiten abhängig (Baumert & Kunter, 2006). Einstellung und Selbstwirksamkeit sind somit zentral für das erfolgreiche Handeln der schulischen Akteure bei der potenziell belastenden Umsetzung von inklusivem Lernen (vgl. Bosse u. a., 2016).

Der produktive Umgang mit Heterogenität als inklusive Schul- und Unterrichtsentwicklungsmassnahme kann nur durch die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams gelingen (Lütje-Klose & Urban, 2014). Begünstigende Aspekte der Kooperation werden oft vorschnell nur professionsintern in Bezug auf Schuleffektivität und Schülerleistungen betrachtet, sind aber auch «Grundlage für die Öffnung hin zu anderen Professionen» (Maykus, 2009b, S. 309). Da ein hohes Niveau multiprofessioneller Kooperation trotz deren zentraler Rolle in inklusiven Unterrichts- und Schulentwicklungsprozessen oft nicht erreicht wird, messen Lütje-Klose und Urban der «Gestaltung kooperativer Strukturen und Prozesse» eine «besondere Aufmerksamkeit» zu (2014, S. 112).

Generell gelten Schulleitungen als zentrale Akteure bei der Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität schulischer Arbeit. Der Stand der Forschung zeigt, dass die Schulleitung dabei eine entscheidende Rolle spielt (Amrhein, 2014; Criblez et al., 2012; Hattie et al., 2013; Sturm et al., 2015, S. 203). Schulleitungen haben insbesondere die Aufgabe, langfristige Strukturen für inklusive Kulturen zu schaffen, inklusive Haltungen zu entwickeln und diese im Schulprogramm oder -leitbild zu verankern (Merz-Atalik, 2014) sowie die Einstellungen der Lehrpersonen und die der Eltern positiv zu beeinflussen (Ainscow, 2013; Ainscow et al., 2013). Die verschiedenen Ebenen und Faktoren, die zusammenspielen und bei der Evaluation und Qualitätssicherung im Bildungsbereich beachtet werden müssen, hat Cronbach (1972) in seinem Strukturmodell abgebildet. Bedeutsame Faktoren in der Arbeit von Schulleitungen sind ein demokratischer und mitarbeiterorientierter Führungsstil im Sinne einer Bereitschaft zur Gestaltung von kollektiven Entwicklungsprozessen durch den Einbezug der Akteure (Harris & Chapman, 2002; Lyra, 2012).

Input-Throughput-Output Modell – Das Strukturmodell der Studie

Abbildung 1: Strukturmodell (in Anlehnung an Cronbach 1972, zitiert in Ditton 2002, S. 776; vgl. auch Huber, Hader-Popp, & Schneider 2014, S. 19)

Das Strukturmodell der Studie bildet zentrale Wirkmechanismen im Schulentwicklungsprozess ab. Diese lassen sich in Input-, Throughput- und Output-Merkmale aufteilen.

Input-Merkmale umfassen Ausgangssituationsmerkmale bzw. Rahmenbedingungen wie die personelle, sachliche und finanzielle Ausstattung sowie Merkmale der Schülerschaft. Als Throughput werden Prozessmerkmale und Zwischenergebnisse bezeichnet. Sie beinhalten u.a. die Handlungskoordination, die über Schulmanagement und Schulentwicklung gestaltet wird. Output bzw. Ergebnismerkmale können auf Organisationsebene (Schulqualität) und auf Ebene der Schülerinnen und Schüler (z.B. Unterricht, Leistungsergebnisse) modelliert werden. Abbildung 1 stellt die Konstrukte der Studie dar (Huber et al., 2014).

Ziel

Ziel der Studie ist die Analyse kantonaler und schulspezifischer Anforderungen und Ressourcen sowie Qualitätsmerkmale. Dazu gehören auf kantonaler Ebene rechtliche Vorgaben, konzeptionelle Überlegungen sowie Qualifizierungsmöglichkeiten, Unterstützungsangebote sowie Ausstattungsoptionen. Auf schulorganisationaler Ebene handelt es sich um Ausgangs-, Prozess- sowie Ergebnis-Qualitätsmerkmale und deren Zusammenhänge, insbesondere Einstellungen und Kompetenzen (als Merkmale der Professionalität), Handlungskoordination und Kooperation im Schulkollegium (als Merkmale der Schulqualität) sowie professionelles Handeln im Unterricht und in Erziehung (als Merkmale der Umsetzung) hinsichtlich der Gestaltung inklusiver Praxis in Schulen.

Ein Anliegen dieser Studie ist es, die beiden Forschungsbereiche zu Schulqualität, Schulentwicklung und Schulleitung einerseits und zu Inklusion andererseits in der Schweiz zu betrachten und miteinander zu verknüpfen.

Die zu erwartenden Ergebnisse liefern empirisch gestützte Erkenntnisse zur Entwicklung von Inklusion in Schule. Neben dem wissenschaftlichen Erkenntnispotenzial verspricht die Studie für die Bildungspolitik, die Schulverwaltung und Schulaufsicht sowie die pädagogische Leitungspraxis von Schulen relevante Entwicklungsimpulse.

Forschungsfragen

Der Studie liegen folgende zwei Fragestellungen zugrunde:

  • Welche rechtlichen Vorgaben, konzeptionellen Überlegungen sowie Qualifizierungsmöglichkeiten, Unterstützungsangebote und Ausstattungsoptionen liegen vonseiten der Deutschschweizer Kantone vor?
  • Welche Rolle spielen Ausgangs-, Prozess-, sowie Ergebnis-Qualitätsmerkmale und deren Zusammenhänge, insbesondere …
    • … Einstellungen und Kompetenzen (als Professionalitätsmerkmale)
    • … Handlungskoordination und Kooperation im Schulkollegium (als Schulqualitätsmerkmale)
    • … sowie professionelles Handeln im Unterricht und in Erziehung (als Umsetzungsmerkmale

… hinsichtlich der Gestaltung inklusiver Praxis in Schulen?

Design und Methodik

Dokumentenanalyse:

Trotz Harmonisierung der kantonalen Schulsysteme divergieren die Integrationskonzepte (z.B. Personaleinsatz, Ressourcierung, Definition von besonderem Bildungsbedarf, Anforderungen an Schulleitungen) und Strukturen. Auf Basis der bereits von (Wicki, 2020a, 2020c, 2020b, 2021a, 2021b) durchgeführten Dokumentenanalyse soll nun weiterführend nach Detaillierungsgrad hinsichtlich konzeptioneller Überlegungen analysiert werden. Weiter werden Qualifizierungsmöglichkeiten, Unterstützungsangebote und Ausstattungsoptionen zusammengestellt. Daher ist in einem Schritt die Katalogisierung und Aufbereitung von Gesetzen, Verordnungen, Strategiepapieren und Konzeptionen der Deutschschweizer Kantone hinsichtlich Zielvorstellungen (im Sinne von SMART-Zielen als Operationalisierungsgrössen) und Massnahmen zur Zielerreichung (Umsetzungspraxen) für Inklusion in einer Synopse mittels Dokumentenanalyse geplant. Diese dient als Grundlage für die quantitative Fragebogenerhebung und als Kontextualisierung der quantitativen Ergebnisse.

Quantitative Analyse:

Die quantitativen Analysen basieren auf Online-Befragungen von Schulleitungen, Lehrpersonen sowie von Fachpersonal Sonder- und Heilpädagogik und gegebenenfalls statistischen Informationen über die Schulen.

Teilnahme an der Studie und Befragung

Für das Forschungsprojekt ist die Perspektive von Schulleitungen, Lehrpersonen und Fachpersonen Sonder- und Heilpädagogik/Integrative Förderung von grosser Bedeutung. Wir bitten Sie als Schulleitende darum, an unserer Studie teilzunehmen und Ihre Mitarbeitenden zu unserer Befragung einzuladen.
Mit Ihrer Teilnahme und der Teilnahme Ihrer Mitarbeitenden an der Befragung unterstützen Sie uns im Rahmen unserer Forschung mit und für die Praxis.

Unser Angebot an Sie
Auf Wunsch erstellen wir einen vertraulichen Bericht mit den Ergebnissen der Befragung Ihrer Schule. Sie können zu Beginn der Befragung für Schulleitungen Ihre Emailadresse angeben, an die der vertrauliche Bericht zu senden ist.

Damit wir die Daten Ihrer Schule in anonymisierter Art und Weise kombinieren können, bitten wir Sie um die Vergabe eines von Ihnen selbst zu bestimmenden Codes (s. Hinweis-Box unten), den Sie bitte an Ihr Kollegium weitergeben. Dieser wird in Ihrem und im Fragebogen für Lehr- und Fachpersonen abgefragt.

Hinweise zum Schul-CodeDen Schul-Code benötigen wir für die Zusammenführung der Befragungsergebnisse aus den verschiedenen Personengruppen sowie, auf Wunsch, für die Erstellung Ihres vertraulichen Schulberichts. Wir wissen dann, wer zu welcher Schule gehört.

Der Schul-Code besteht aus zwei Elementen:

  • einer mindestens vierstelligen Buchstabenfolge
  • einer mindestens vierstelligen Zahlenfolge

Beispiel eines Schul-Codes: BXUQ7461

Erstellen Sie einen genug komplexen Code, damit dieser nicht zufällig mit dem Code einer anderen Schule identisch ist. Bitte verwenden Sie aus Datenschutz-technischen Gründen keine Elemente, die mit Ihrer Schule in Verbindung gebracht werden können.

Links zu den Fragebögen
Befragung für Schulleitende
Befragung für Mitarbeitende (Lehrer*innen, Sonderpädagog*innen, Sozialpädagog*innen, schulische Mitarbeitende)

Die Bearbeitung des Fragebogens dauert ca. 30 Minuten und kann jederzeit unterbrochen werden.

Informationen zum Datenschutz

Alle datenschutzrechtlichen Bestimmungen werden von uns eingehalten. Das heißt konkret, dass

  • alle Daten streng vertraulich behandelt und nur von Personen eingesehen werden, die am Institut für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie (IBB) arbeiten.
  • Ergebnisse nicht auf die Angaben einzelner Personen oder Schulen zurückgeführt werden können und

nur für den mit der Befragung verbundenen Zweck verarbeitet werden.

Dokumente

Die formulierten theoretischen Überlegungen zu schulischer Inklusion können als Empfehlungen, aber auch als Handlungspraktiken zur Analyse der eigenen Schulsituation dienen. Somit ist es auch möglich, sie als Checkliste zur Einschätzung des Ausmaßes der entsprechenden Handlungspraxis zu nutzen, um Handlungsmöglichkeiten für die schulspezifische inklusive Schulentwicklung zu identifizieren und dann Prioritätensetzungen vorzunehmen.

Verantwortliche für die Durchführung der Studie
Die Erhebung wird durchgeführt durch Prof. Dr. Stephan Gerhard Huber.
Prof. Huber forscht schwerpunktmäßig über die Qualität von Bildung und damit in den Bereichen Schulqualität, Schulentwicklung und Personalentwicklung/Professionalisierung von schulischen Akteuren. Er arbeitet in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit über 20 Jahren in verschiedenen Projekten, u.a. zur Förderung von Lehramtsstudierenden, zur Wirksamkeit der Lehrerfortbildung, als wissenschaftliche Begleitung von Modellprojekten und Schulversuchen, z.B. zur Eigenverantwortlichen Schule, sowie Schulentwicklungsprojekten und der Schulleitungsqualifizierung. Er veranstaltet seit 2004 das Bildungs- und Schulleitungssymposium – World Education Leadership Symposium WELS.

Prof. Huber wird bei dieser Studie von Mitarbeitenden seines Instituts unterstützt.
Informationen über das Institut und Prof. Huber sind unter www.Schulentwicklung.net zu finden.

Marius Schwander, Anna Zoss, Jane Pruitt, Manuela Egger

Leitung der Studie und Ihre Ansprechperson für sämtliche Fragen zur Studie
Prof. Dr. Stephan Gerhard Huber

Wissenschaftlicher Leiter IBB – PH Zug
Telefon: +41 41 727 12 69
E-Mail: stephan.huber@phzg.ch

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