Zu Ehren von und in Erinnerung an

Prof. Dr. Heinz Stephan Rosenbusch

Wissenschaftler, Lehrer, Schulleiter, Förderer, Vordenker, Freund

geb. am 26.12.1931, gest. am 17.10.2023

Mein erstes Zusammentreffen mit Heinz Rosenbusch

An einem meiner ersten Tage als Student – vor genau 30 Jahren – besuchte ich seine Vorlesung am Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Bamberg. Die Vorlesung fand im großen Hörsaal, der völlig überfüllt war, statt und ich musste auf dem Boden Platz nehmen. Gerade aus Bali zurückgekehrt trug ich eine – etwas auffällige – Mütze. Heinz Rosenbusch sprach mich darauf an und wir kamen ins Gespräch.

Ich erzählte vom Land der Pädagogik und davon, dass ich dort Schulen besucht habe. Mein Hobby des Schultourismus verschwieg ich damals, aber er fand auch so faszinierend, dass ich in anderen Ländern Schulen besuchte. Was trieb mich an? Was erhoffte ich zu erkennen? Heinz Rosenbusch zeigte ehrliches Interesse und offenbarte in einer für ihn typischen Geste sein Erstaunen und seine Anerkennung – eine Geste der Wertschätzung, die er seinem Gegenüber zollte und die ich noch oft bei ihm erleben sollte.

Heinz – der Begeisterte und zur Begeisterung Ansteckende.

Heinz – der Wertschätzende, der Achtsame.

Sein Leitmotto – die Schule als Edukatop.

Heinz Rosenbusch prägte Leitsätze und Prinzipien des Zusammenlebens und Agierens von in Schule und Bildung Verantwortlichen, und er hat sie selbst gelebt:

  • Schule als Modell dazu, was pädagogisch intendiert ist,
  • Schatzsuche statt Fehlerfahndung,
  • das Prinzip der Kollegialität und
  • die Logik des Vertrauens.

Damit sind wichtige, aber nur einige seiner markanten, prägenden und Spuren hinterlassenden Prämissen, Slogans, theoretisch-praktischen Überlegungen bzw. Kernaussagen genannt. Viele weitere finden sich in seinen Standardwerken zur Schulleitung und Organisationspädagogik.

Heinz – das Vorbild.

Ihn trieb die Frage um, um was es in Bildung und Schule geht. Seine Antwort: Schule solle als Edukatop, als Lebensraum begriffen werden, in dessen Zentrum die ganzheitliche Förderung der Persönlichkeit und deren Entwicklung steht und damit neben kognitiven auch emotionale, motivationale und soziale Aspekte eine wichtige Rolle spielen müssten.

Nestor der deutschen Schulleitungsforschung.

Der Nachruf von Manfred Schreiner, Ehrenvorsitzender des NLLV und Ehrenmitglied im BLLV, beschreibt den herausragenden Werdegang von Heinz Rosenbusch (https://www.bllv.de/vollstaendiger-artikel/news/zum-tod-von-prof-dr-heinz-rosenbusch). Zu Recht bezeichnete Hans-Günter Rolff Heinz Rosenbusch als »Nestor der deutschen Schulleitungsforschung«, brachte er doch schon in den 1980er Jahren das Thema Schulleitung in die wissenschaftliche und bildungspolitische Diskussion hierzulande. Die Entwicklungen, empirischen Ergebnisse, die Verbandsarbeit und auch die bildungspolitischen Vorhaben zeigen längst, dass er mit seiner Einschätzung der Schlüsselfunktion von Schulleitung Recht hatte. 

Heinz – der Wissenschaftler. 

Heinz Rosenbusch hat zu verschiedenen Themen geforscht, unter anderem zu non-verbaler Kommunikation, zu Gruppenunterricht, aber auch zu Schulleitung und Schulaufsicht sowie zur Schulgestaltung im Mehrebenensystem. Eines hatte er dabei gemäß Fend immer im Blick: Die pädagogische Handlungseinheit ist mehr als die Summe addierten Unterrichts. In seiner Forschung hat er diverse Friktionen und systemische Unstimmigkeiten identifiziert, sie analysiert und in vielfältiger Weise versucht, Einfluss zu nehmen. Er arbeitete hierzu mit und in Verbänden, etablierte neue Studiengänge in der Lehre. Aber er widmete sich auch anwendungsorientierten Projekten bzw. solchen Projekten, die nicht zwingend einer Kategorie zuordenbar sind, weil deren Verantwortliche z.B. einen sehr speziellen innovativen Zugang gewählt haben. Ich denke dabei z.B. an das von Siemens geförderte Studien- und Forschungsprojekt mit Annette Scheunpflug „Innovative Schulen der Welt“. Heinz Rosenbusch hat als Wissenschaftler – in seiner Arbeit in der Praxis, mit der Praxis und für die Praxis – diese Praxis im Sinne von „Responsible Science“ begleitet.

Mitbegründer der Organisationspädagogik.

In Deutschland entwickelte sich aufgrund der Arbeit von Heinz Rosenbusch die Führungskonzeption des „organisationspädagogischen Managements“, das diesen Prinzipien folgt:

  • Prinzip der Schatzsuche statt Defizit-/Fehlerfahndung: Geboten ist eine radikale Neuorientierung, denn bislang konzentriert sich bürokratisch geprägte Schulverwaltung in erster Linie auf Fehlervermeidung, Kontrolle, Aufspüren und Beseitigen von Fehlern, statt – wie pädagogisch geboten – auf das Positive. Gefragt ist die Entdeckung von Ressourcen, von neuartigen Kooperationsformen etc.
  • Logik des Vertrauens zu sich selbst und zu anderen: Notwendig ist Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Verantwortlichkeiten sowie in die der anderen, sodass eigenverantwortetes Handeln möglich wird und Fehlentwicklungen offen angesprochen werden.
  • Prinzip der Kollegialität trotz Hierarchie: Gegenseitige Verantwortlichkeiten werden respektiert und anerkannt, im Mittelpunkt steht jedoch die kollegiale Verpflichtung im Hinblick auf die gemeinsam getragenen Ziele.
  • Veränderung von Vorgaben: Statt unnötiger Vorschriften, Beurteilungen etc. liegt der Fokus auf Fortbildung, Beratung und fachlichem Austausch.
  • Schlanke Organisation und klare Regeln: Notwendig ist eine Vereinfachung und Liberalisierung der Ablauforganisation (der formellen Regelungen etc.) zugunsten größerer Freiräume des Einzelnen. Zugrunde liegen klare Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, demokratische Prinzipien und Transparenz.
  • Kooperation, auch in Bildungslandschaften: Neben Kooperationen zwischen Lehrkräften, Schulleitung und Schulverwaltung sollen auch Kooperationen zwischen einzelnen Schulen verstärkt werden.

Dabei ist – nach Heinz Rosenbusch – das Hauptprinzip von Führungshandeln das der Kooperation: Aufgrund der komplexen Hierarchie innerhalb der Schule ist Kooperation angemessene Handlungsrationalität, was eine innere Bereitschaft und Motivation zur Mitgestaltung der Einzelschule verlangt – sowohl beim Kollegium als auch bei den Schülerinnen und Schülern. Kooperation hat in der Organisation Schule aber nicht nur einen instrumentellen Wert als Mittel für eine günstige Zielerreichung, sondern ist selbst dezidiertes Bildungs- und Erziehungsziel.

2005 durfte ich als Herausgeber das letzte Werk von Heinz Rosenbusch begleiten und ein Jahr später, 2006, wurde die Sektion Organisationspädagogik der DGfE in Frankfurt gegründet.

Insbesondere im Bildungsbereich sind die von Heinz Rosenbusch formulierten organisationspädagogischen Handlungsmaximen heute wichtiger denn je. Aber, und das kann man nicht oft und laut genug wiederholen, auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen haben sie hohe Relevanz.

Das Wohl seines Gegenübers im Blick.

Die vielen, die Heinz Rosenbuschs Tod betrauern, benennen treffende Eigenschaften, die diesen wundervollen Menschen beschreiben, und auch ich erinnere mich in dieser Art und Weise an ihn: Er war liebevoll, herzlich, warm, intelligent, humorvoll, eloquent, mit dem richtigen Gespür der Inszenierung, aufgeschlossen, neugierig, gebildet, nicht laut – dafür offen und innovativ, ja originell und vorausschauend. Er war auch Visionär, Vorbild, mutig, zutrauend, vertrauend, anerkennend, wertschätzend, ja auch stolz, aber immer stolz auf andere, auf Menschen, die sich engagieren.

Heinz – rundum wohltuend, in der Schule, in der Hochschule, im Leben.

Heinz Rosenbusch war und ist für viele Menschen, die ihn kannten, eine sehr wichtige Person. Er hat Eindruck und Spuren hinterlassen. Sein Denken und Handeln wirken bis heute nach.

Heinz – der Unterstützer und Studierendenlobbyist.

Kaum ein Zweiter hat meinen Werdegang so unterstützt.

Ich wurde Studierendenvertreter und AStA-Vorstand in Bamberg und gehörte auch mehreren Universitätsgremien an – immer zusammen mit Heinz Rosenbusch. Er spielte mir die Bälle zu – und umgekehrt, das war fantastisch. Er war sehr unterstützend!

Heinz – der Universitätspolitiker.

Auch als ich mein Studium in England fortsetzen wollte, beriet er mich. Schließlich hatte ich Zusagen von Edinburgh, Oxford, London und Cambridge und ich entschied mich, weil mir die Themen von Heinz gefielen, die man dort lehrte, für Cambridge.

Heinz – der die Internationalität mochte.

Eines der Forschungsthemen von Heinz Rosenbusch war das der nonverbalen Kommunikation – davon wurde mir berichtet, als ich als Hilfskraft bei ihm anfing. Ich begann im Projekt Gruppenunterricht, dann unterstützte ich bei den Symposien oder bei der Vorlesungsvorbereitung und schließlich im Studiengang. Wir konnten das von ihm initiierte Labor in Bamberg nutzen.

Er ließ mich an vielem ohne zu zögern teilhaben, lud mich ein bei der Stellenbesetzung für die Leitung des Praktikumsamts und bei vielen anderen Gelegenheiten. Er setzte auf Partizipation und Kooperation.

Heute beziehe ich mich in vielen Vorträgen und Publikationen auf Heinz Rosenbusch und höre von anderen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz, wie sehr sie seine Arbeiten schätzen. So erzählte mir beispielsweise Herbert Altrichter von einem seiner besten Vorträge, den er auf Einladung von Heinz Rosenbusch in Bamberg gehalten habe. Und ich muss ihm zustimmen, sein Vortrag war gehaltvoll und doch unterhaltsam. Im Anschluss an diese Veranstaltung gingen wir zusammen essen, Heinz hat mich einfach mitgenommen. Von Hilbert Meyer über Hans-Günter Rolff bis hin zu Eckart König – wir waren alle eine große Familie. Es gäbe viele weitere Beispiele zu berichten. Auch zu Hilbert Meyer nahm er mich einfach mit.

Heinz – der Netzwerker und Teilhabe-Gewährende.

Er und ich haben – auch nach seiner Pensionierung – viel Zeit miteinander verbracht, damals war ich Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand. Wir saßen öfter im Auto, z.B. auf dem Weg zur damaligen bayerischen Kultusministerin Monika Hohlmeier nach München, nach Oldenburg zu Hilbert Meyer, nach Dortmund zu Hans-Günter Rolff oder zu einer Tagung in Frankfurt oder Witten Herdecke. Heinz Rosenbusch erlaubte mir sein schönes nordisches Auto zu fahren – schnell zu fahren, aber auch langsam. Wir sprachen unentwegt – wenn nicht beruflich, dann privat, denn er war immerzu interessiert, und zwar am ganzen Menschen interessiert. Er war zu begeistern und konnte Begeisterung entfachen.

Heinz – der auch sehr leiden musste – mit der gesamten Familie.

Ich erinnere mich auch sehr intensiv an die Phase der Krankheit einer seiner Töchter, Dr. Uta Rosenbusch, die dann leider verstarb. Wir sprachen in dieser Zeit sehr häufig miteinander, ich litt mit. Das war für ihn und die gesamte Familie eine sehr schmerzhafte Zeit.

Wir alle sind traurig, denn er war für jede und jeden von uns ein wichtiger Wegbegleiter.

Heinz Rosenbusch mochte interessante Leute, die bei ihm eine Faszination auslösten – er wertschätzte sein Umfeld.

Heinz Rosenbusch war in seinem Tun ein Modell. Was er von anderen Führungskräften forderte, löste er selbst als Führungskraft ein und lebte es vor.

Heinz Rosenbusch war mir und vielen anderen Vorbild und Freund, und er wird dies auch immer bleiben, Chapeau vor dieser Lebensleistung.


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